Begrüßung des Botschafters Griechenlands in Berlin, S.E. Herrn Th. Daskarolis, zum Nationalfeiertag des 25. März 1821

Meine Damen und Herren,

liebe Landsleute,

der 25. März, unser Nationalfeiertag, ist eine Gelegenheit, dieses große historische Ereignis zu bewerten, jedoch ebenfalls  eine Gelegenheit, unsere bisherige historische Entwicklung zu bewerten und  auch einen Ausblick in die eigene Zukunft  zu wagen.

Es ist eine Gelegenheit zur nationalen Selbsterkenntnis, eine Chance, uns selbst im Spiegel zu betrachten.

daskarolis1821 trat ein historisches Volk, die Griechen, ins Rampenlicht der Geschichte, entschlossen, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Was keine einfache Entscheidung war: Die internationalen Umstände waren 1821 ungünstig für eine Erhebung, da die damaligen Großmächte einem Aufstand feindlich gegenüberstanden und der Tyrann selbst, das Osmanische Reich, über weit zahlreichere Streitkräfte verfügte, fähig, den Aufstand niederzuschlagen. Trotz alle dem wagten es unsere aufgewühlten Vorfahren. Die Revolution von 1821 war eine echte griechische Tollkühnheit. Die Griechen riskierten lieber ihr Leben und ihr Vermögen, um ihre Ehre zu wahren, um als freie Menschen ihre Befreiung zu erlangen, treu dem Ideal der individuellen und kollektiven Emanzipation. Einer Idee, so alt wie das griechische Denken.

Mag sein, dass die Revolution bei ihrem Beginn 1821 nur Feinden und Gegnern gegenüber stand, doch in ihrem Verlauf begegnete sie vielen Freunden, der internationalenphilhellenischenSolidaritätsbewegung in Europa und Amerika, und erweckte das demokratische Bewusstsein Vieler. Gleichzeitig war die griechische nationale Befreiungsbewegung einige Jahrzehnte später der Auslöser zur Abschüttelung despotischer Regime im übrigen Europa und bildete den Ausgangspunkt verschiedener Bewegungen nationaler und politischer Integration und Emanzipation.

Eine wesentliche Lektion, die uns die Revolution von ’21 erteilt, ist die, dass wann immer wir uns entscheiden wir selbst zu sein, unseren eigenen ewigen Werten treu, wir möglicherweise am Anfang isoliert, allein, dastehen, auf dem Weg jedoch treue Freunde gewinnen, die uns als – wir sollten nicht vor dem Wort zurückschrecken –Vorbild sehen, um ihrerseits nach ihren eigenen Idealen zu streben. Letztendlich ist die Meinung der Anderen über uns von geringer Bedeutung. Eine viel größere Bedeutung hat die Meinung, die wir uns über unsselbst vorbehalten.

Diese erstaunlichen Menschen von ’21 unterschieden sich in Nichts von uns. Sie hatten dieselben Fehler und Tugenden wie wir. Die – mehr oder weniger – gleichen Ängste, gleiche Qualen, die gleichen Kleinherzigkeiten und Egoismen, aber auch die gleiche Großzügigkeit der Seele. Niemand wird tapfer geboren. Doch unsere damaligen Vorfahren beschlossen, ihre Ängste und Egoismen zu überwinden, ja sich selbst zu opfern, um ihre Ehre zu retten, aber auch damit wir heute frei sein können.

Liebe Landsleute, wir ehren heute die 195. Wiederkehr des Tages dieser Revolution, in schwierigen Zeiten. Die viel zu lange andauernden Ungewissheiten der Wirtschaft in Europa treffen und steigern sich mit den unmenschlichen Terroranschlägen in den Großstädten Europas, säen ein Klima der Angst und der Panik. Und schlimmer noch: Sie erschüttern unser gemeinsames europäisches Haus, das so viel Zeit und Mühe für seinen Aufbau gebraucht hat. Vielleicht, weil sich in den letzten Jahren die falsche Überzeugung durchgesetzt hat, dass der Kern Europas die Währung ist und nicht die Würde des Menschen. Dass Europa lediglich das Feld zur Durchsetzung roher Finanzpolitiken und Konkurrenzen ist und nicht der Raum für Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit und ehrlicher Kooperation.

Unsere Heimat befindet sich erneut im Epizentrum internationaler Krisen und die Spitze bildet die Flüchtlingskrise. Vergebens haben wir über mehrere Jahre hinweg versucht, unsere europäischen Partner davon zu überzeugen, dass die Flüchtlingsproblematik kein griechisches sondern ein europäisches Problem ist. Heute scheinen sie es zu verstehen, doch wir müssen die große Last ihrer Unlust und Zurückhaltung stemmen, zumindest für eine Zeit lang. Der Flüchtlingskrise ist das griechische Volk, anonyme Menschen, so begegnet, wie es unsere Traditionen und Werte fordern: sie stehen den Fremden bei, den Flüchtlingen, den Verfolgten und Entwurzelten, diesen Menschen, die fern ihres eigenen Landes den Frieden suchen. Sie halten damit den Wert der „Heiligkeit des Flüchtlings“ hoch, der seit  dem Altertum tief in unserer Kultur verankert ist. In der Großzügigkeit ihrer Seelen gewähren viele unserer Landleute selbstlos den Flüchtlingen Pflege und Fürsorge. Und so retten sie die Ehre der humanistischen Traditionen Europas in einer schwierigen Zeit, in welchen in etlichen europäischen Ländern Fremdenfeindlichkeit und Rassismus blühen.

Wir haben allen Grund auf sie stolz zu sein, so wie auch auf unsere Vorfahren von 1821.

Wir sollten nicht vergessen, dass wir 1821 mit unserem Beitrag zur Schaffung eines Europas der freien Menschen begonnen haben. Wir sollten ebenfalls nicht vergessen, dass – und das ist die wichtigste Lektion von 1821 – unser Schicksal in unseren eigenen Händen liegt.